Das Problem mit der Gerechtigkeit

Sprache, Schule, Populismus: Markus Franz diskutierte Gründe und Folgen schlechten Deutschunterrichts

„Über die Haltung deutscher Hochschullehrer zum Thema Sprache bin ich wirklich empört“, schimpfte Markus Franz. Der Autor diskutierte am 21. Februar 2018 in der BJS Beispiele und Thesen aus seinem Buch „Lehrer, ihr müsst schreiben lernen!“ (CORRECT!V).

Für ihn sind die Universitäten die Quelle schlechter, gesellschaftlich schädlicher Sprache. Dort werde eine verquaste, komplizierte, mit Fremdwörtern gespickte Sprache verlangt. Die wiederum gelange über die Lehrer – die meist selbst nicht schreiben könnten – und unter dem Zwang der Rahmenpläne in die Schulen.

Den Schülern, so Franz, „wird gutes Schreiben in der Regel abtrainiert“.

Die Folgen seien erheblich: Schlechte Sprache grenze aus und trage zu gesellschaftlicher Spaltung bei. Außerdem erschwere sie Schulabsolventen den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt.

 

Warum gutes Schreiben dennoch nicht vermittelt werde? Die Frage stand im Mittelpunkt der Diskussion. Eine Teilnehmerin wies auf Wolf Schneiders Buch „Deutsch für Profis“ aus dem Jahr 1982 hin:

„Seitdem kann jeder, der es will, gutes Schreiben lernen. Warum ist das in den Schulen nicht angekommen?“, fragte sie. Markus Franz hatte keine endgültige Antwort. An den Universitäten vermutet er Elitedenken, schwer verständliche Sprache werde häufig als Ausweis von Kompetenz missverstanden. Wütend mache ihn, dass „Hochschullehrer ihren Studenten zu Auslandsaufenthalten in die USA mit auf den Weg geben: Schreibt kurz, verständlich, anschaulich. Das ist dort nicht nur erlaubt, es ist gefordert. Diese Professoren wissen also, wie es geht. Aber hier bei uns wollen sie die verständliche Sprache nicht haben“.

 

In den Schulen spiele ein anderer Gedanke eine wichtige Rolle: Der Versuch, anhand klarer, aber starrer Kriterien möglichst gerecht und rechtlich unangreifbar zu zensieren. Es gebe strikte Vorgaben für die Benotung. So müssten beispielsweise im ersten Satz einer Klausur „Titel, Autor, Textart, Erscheinungszeit und Thema“ genannt werden. Dann erhielten die Schüler die Höchstpunktzahl, egal wie schlecht formuliert der Satz ansonsten sei. Das führe oft zu schrecklichen, kaum verständlichen Schachtelsätzen, die jede Lust am Weiterlesen nähmen. In diesem Bemühen um Gerechtigkeit stecke aber zugleich eine Ungerechtigkeit. Denn besonders kreative Schüler, die gute, aber anders aufgebaute Texte schrieben, würden schlechte Noten riskieren.

 

Nach zwei Jahren Recherche ist Franz ratlos: „Ich wäre schon froh, wenn dieses Thema endlich einmal öffentlich diskutiert würde“, sagte er. Bisher allerdings vermisst er die dafür nötige Offenheit bei der Kultusministerkonferenz, bei Hochschulen und Verbänden.

 

BJS, im Februar 2018