BJS-Collage (Quelle: Flickr - Linus Gelber/Jimmyroq/Icesail/Mybloodyself/Jacob Bøtter/HollaBackpackers)

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Mit der Sonne Geld verdienen

Wissenschaftspark Gelsenkirchen. Durch das Schrägdach des futuristischen Glasbaus fällt die Spätsommersonne auf hypermoderne Solarkollektoren und Heizkessel, die eher an Raumschiffkulissen denn an Haushaltsgeräte erinnern. Entlang der transparenten Fassade reihen sich Fotovoltaikanlagen, Hybridfahrzeuge und allerlei technisches Gerät. So sieht sie also aus, die schöne neue Zukunft der Energienutzung.

35 Aussteller präsentieren auf der 4. megaWatt in Gelsenkirchen die neuesten Trends rund um Sonnenenergie, Biomasse und Brennstoffzellen. Sie geben der lichtdurchfluteten Messehalle den Hauch einer heilen Zukunftsutopie, fern ab jeglicher Energiekrise. Für einen Moment lassen sie vergessen, dass an der Tankstelle um die Ecke die Spritpreise seit Wochen stetig weiter nach oben geschraubt werden und immer mehr Wetterforscher den globalen Klimakollaps kommen sehen.

Interesse an Erdgas- und Hybridautos

Doch die vermeintliche Rettung des Planeten steht nicht im Zentrum der Messe. Hier hangeln sich keine überzeugten Umweltaktivisten oder militante Kernkraftgegner von Stand zu Stand, sondern sparfreudige Eigenheimbesitzer und Familien, denen die letzte Heizrechnung zu teuer war oder die ganz einfach auf der Suche nach einem neuen Auto sind. Nicht zuletzt aufgrund des alltäglichen Frustes an der Zapfsäule ist das Interesse an Erdgas- und Hybridautos besonders groß.

Die Devise ist dabei klar: „95 Prozent der Interessenten sind auf der Suche nach einer kostengünstigen Alternative“, weiß André Sänger von der Emscher Lippe Energie GmbH, die Umsteiger auf Erdgasautos großzügig bezuschusst. „Der ökonomische Faktor steht in der Rangliste klar über dem Ökologischen“.

Mit einer Tankfüllung doppelt so weit

In der Energie-Lounge nebenan rechnet Martin Bang von der Energieagentur NRW den Zuhörern in seinem Vortrag vor, wie viel Kostenersparnis ein Umstieg auf Erdgasautos mit sich bringt: „Für 20 Euro fahren Sie mit einem herkömmlichen benzinbetriebenen PKW etwa 230 Kilometer. Mit einem Erdgasauto kommen Sie für den gleichen Betrag 525 Kilometer, also mehr als doppelt so weit.“ Das Argument sitzt, die Zuhörer nicken.

Vom wachsenden Unmut beim Blick auf die Tankrechnung kann auch Ursula Schäfer-Rehfeld berichten. Anders als die meisten Bundesbürger gewinnt sie diesem Trend jedoch auch etwas Positives ab. Die Diplom-Soziologin wirbt an ihrem Stand für das Pendlernetz in Nordrhein-Westfalen, eine Initiative der Städte und Gemeinden, die über ein Internetportal möglichst viele berufsbedingte Pendler zu Fahrgemeinschaften zusammenführt.

Fahrgemeinschaften bilden sich

„Die Zahl der Besucher auf unserer Seite ist in der jüngsten Zeit stark gestiegen“, sagt sie. Die hohen Spritpreise lassen sich also nicht nur mit neuen Technologien, sondern auch mit althergebrachtem Kooperationsgeist bekämpfen. Schäfer-Rehfeld will die Fahrgemeinschaften allerdings nur als „einen einzelnen Mobilitätsbaustein“ verstanden wissen: „Langfristig müssen wir auf alternative Energieträger umschwenken“.

Und die gibt es auf der megaWatt zahlreich. Am anderen Ende der Messehalle sitzt Dirk Smit am Stand seiner Solarfirma und erklärt einem Bottroper Ehepaar, wie sich mit neuen Energietechnologien die Heizkosten vierteln lassen. Eine Erdwärmeheizung etwa, die mittels einer Sonde im tiefen Erdreich Wärme in rauen Mengen generiert, kostet schon mal bis zu 25 000 Euro.

Teure Investitionen, die sich lohnen

Mittel- und langfristig lohnt sich die Investition aber, versichert Smit. Vor allem wenn der erforderliche Strom für den Betrieb der Anlage von einem Solarkollektor auf dem Schrägdach des Reihenhauses erzeugt wird. Der ist mit rund 6 000 Euro für 10 Quadratmeter zwar auch nicht ganz billig, wird aber in der Anschaffung vom Staat bezuschusst und garantiert durch die Einspeisung eines Teils der produzierten Elektrizität in das Stromnetz auch jährliche Gewinne.

Den Bottroper Eheleuten schwirren ob der vielen Zahlenspiele erst einmal die Köpfe. Sie verabschieden sich zu weiteren Überlegungen.

Niemand will das Weltklima retten

Dirk Smit lehnt sich zurück. Für einen seltenen Moment ist Ruhe an seinem Stand eingekehrt. Den ganzen Tag schon stehen die Leute Schlange um sich ausrechnen zu lassen, wie viel sie sparen, wenn die alte Ölheizung auf den Schrottplatz wandert. „Das Motto ist klar - weg von den hohen Energiekosten. Der ökologische Effekt ist nebensächlich“, erzählt er. „Nicht ein einziger Interessent kam heute und hat gefragt, wie er mit einer neuen Erdwärme- oder Solaranlage das Weltklima rettet.“

Schon warten die nächsten Besucher auf die Möglichkeit zum Infogespräch. Heinz Bernhof ist, ganz dem Tenor der Messe entsprechend, daran interessiert, wie die Geräte technisch funktionieren und wann sich die „Kosten amortisieren“. Seine Begleiterin Regina Weiß wirkt hingegen fast ein wenig exotisch mit ihrem ideologischen Einwand, dass „der Umweltaspekt doch eigentlich in den Vordergrund gestellt werden sollte.“ Im Eingangsbereich hat sie eine Broschüre entdeckt, die sie nachdenklich macht. Der Titel: „Mit der Sonne Geld verdienen!“

1000 Besucher schon am ersten Tag

Der Andrang auf der Messe ist groß an diesem Wochenende. Mehr als 1.000 Besucher haben bereits am ersten Tag der Ausstellung Solarkollektoren und Erdgasautos gemustert, Kostenvoranschläge für die neue, umweltfreundliche Heizung eingeholt und ihr Wissen über die staatliche Förderung von erneuerbaren Energien aufgefrischt.

Getrieben hat sie dabei offenbar weniger die Furcht vor dem Treibhauseffekt, als der Blick auf die jüngste Nebenkostenabrechnung oder die Preisschilder an den Zapfsäulen. Nicht die etwaige Klimakatastrophe mit folgender Erderwärmung und drohenden Überschwemmungen, sondern die extreme Dürre im eigenen Portemonnaie weckt die Neugier auf Alternativen.

Volle Auftragsbücher

Ein Luxusthema, dem es sich nur bei Abwesenheit sämtlicher anderer Sorgen zu widmen lohnt, ist Umweltschutz also in diesem Fall nicht. Im Gegenteil: Die steigenden Ölpreise füllen die Auftragsbücher der Anbieter von erneuerbaren Energien im Gelsenkirchener Wissenschaftspark wirkungsvoller als jede Klimaschutzkampagne. Denn was gut für den Geldbeutel ist, nützt auch der Umwelt. Oder war es umgekehrt?

Thema
Strom und Sprit zu teuer - aber es geht auch anders (21. Lehrredaktion)

Von Jan Müller