BJS-Collage (Quelle: Flickr - Linus Gelber/Jimmyroq/Icesail/Mybloodyself/Jacob Bøtter/HollaBackpackers)

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Spaß kann auch Politik machen

Hauke stinkt nach Schweiß und will in den Bundestag. Wenn der Berliner Bundestags-Direktkandidat seinen Mund öffnet, sieht man eine große Zahnlücke und üble Karies. Seine politische Hauptforderung „Zahnersatz für alle“, ist wohl nicht ganz uneigennützig.

Bei seiner Bewerbung geht es ihm aber nicht um sich selbst: „Viele haben Angst vor der Zukunft, Angst krank zu werden und das dann nicht mehr bezahlen zu können. Das muss man doch ernst nehmen“, sagt der 33-Jährige.

Er selbst gehört zu den sozial Benachteiligten, für die er kämpft. Als Legastheniker konnte er seine Wahlslogans nicht alleine schreiben und finanziell kommt er mehr schlecht als recht über die Runden. Mit Gelegenheitsjobs hält er sich über Wasser; gerade arbeitet er in einer Karaokebar.

13-Stunden-Woche und Rentenalter nach Gefühl

“Rentenalter nach Gefühlslage“ ist eine der Forderungen, die der Einzelkandidat für den Wahlbezirk Friedrichshain/Kreuzberg und Prenzlauerberg Ost von den Menschen auf der Straße gesammelt hat. Er zog los, fragte seine Nachbarn, was sie als Politiker fordern würden und verpackte das alles in ein Wahlprogramm.

„Klar, dass ich die nicht so ganz ernsthaften Ideen wie 'Freibier für alle' rausgenommen habe.“ So entstanden seine Wahlslogans, die nicht viel realistischer als kostenloses Bier für alle wirken: „Austritt aus der Nato“ oder „Her mit der 13-Stunden-Woche“, die Vorschläge, die aus dem Herzen seines Wahlkreises kamen. Aus Friedrichshain, genauer aus der Rigaerstrasse.

Erfinder der Wasserschlacht an der Oberbaumbrücke

Hier liegt zwischen Billigbäckern und 24-Stunden Minisupermärkten, wo sich die Punks rund um die Uhr mit Alkohol eindecken der WAF-Salon, Haukes Wahlkampfzentrale. „WAF steht für Wasserarmee Friedrichshain“, erklärt er und zeigt auf das Logo an der Wand. Dort sieht man zwei vor einem roten Stern gekreuzte Wasserpistolen.

„Die alljährliche Wasserschlacht auf der Oberbaumbrücke war meine Idee“, sagt er nicht ohne Stolz. Jedes Jahr kämpfen dort die Friedrichshainer und die Kreuzberger gegen die Zusammenlegung der Bezirke und bewerfen sich gegenseitig mit Mehl, Eier, Wasser und Gemüse. „Ist doch absurd, dass diese Bezirke zusammengehören sollen, die verbindet nichts als diese eine Brücke“, sagt Hauke.

Hausbesetzer in Riesen-WG's

Er gehört zur Friedrichshainer Seite der Brücke und das mit Leib und Seele. Hier organisiert er selbstverwaltete Cafés oder Konzerträume, Parties oder Events wie das „Friedrichshainer Häusserrennen“. Bei dem Wettlauf rasen da die Kiezbewohner mit aus Pappe und Holz gebastelten Häusern die Frankfurter Allee entlang.

„Für mich kann Demokratie nur im Kleinen funktionieren“, erklärt der ehemalige Bootsmann sein vielseitiges Engagement. Er selber zog mit 16 von zu Hause aus und lebte lange als Hausbesetzer. Von Bremen weg zog er nach Berlin, wo er weiter in Riesen-Wohngemeinschaften in heruntergekommenen Häuserblocks wohnte.

Kein TV-Duell mit Ströbele

„Das Zusammenleben hat da richtig gut funktioniert, weil jeder ein bisschen Verantwortung übernommen hat. Als wir mit dreißig Mann in einem besetzten Haus gewohnt haben, stand trotzdem immer ’ne frische Milch auf dem Tisch.“

Wird man mit so einem Hintergrund von den politischen Mitbewerbern ernstgenommen? „Bei uns macht Hauke den Ströbele“ ist zwar einer von Haukes Wahlsprüchen. Aber nicht mal das grüne Urgestein Christian Ströbele wollte sich mit ihm auf ein öffentliches Streitgespräch einlassen. „Ich wollte so eine Art TV-Duell mit ihm machen, auf dem offenen Kanal. Aber Ströbele wollte nicht.“

Neue Nationalfarben in rosa, lindgrün und ocker

Mit den Medien ist das auch nicht anders. „Die Journalisten, die mit mir reden wollen, kommen nur vorbei, um meine Zahnlücke zu filmen und sind danach sofort wieder weg. Für die bin ich nur der exotische Kasper.“

Aber meint er eigentlich ernst, was er sagt? Die Nationalfahne soll laut seines Wahlprogrammes abgeschafft werden und die „neue Beflaggung“ die Farben rosa, lindgrün und ocker tragen. Ein Kanal von der Rigaerstrasse bis zur Ostsee soll den Zugang für die Kiezbewohner zu Sonne und Meer ermöglichen.

Der linkeste Hund Berlins

„Klar ist das mein Ernst. Ich klebe hier doch nicht Tag und Nacht Plakate nur aus Spaß. Aber ich weiß trotzdem, dass ich keine Chance habe, zu gewinnen. Da seh’ ich keine Sonne.“ Und trotzdem hat Hauke schon unheimlich viel Energie in seine Bewerbung als Bundestagsabgeordneter gesteckt.

Zuerst war er als Kandidat der Bergpartei angetreten. Als die Partei nicht zugelassen wurde, sammelt er innerhalb von zwei Tagen über 200 Stimmen, die sich für seine Kandidatur aussprachen. Denn laut Wahlgesetz muss sich für einen Einzelbewerber jeder 1000. seines Wahlbezirkes aussprechen. Und das hat geklappt, am 18. September ist Hauke Stiewe, der „linkeste Hund Berlins“ als Einzelbewerber wählbar.

Matrosen-Outfit als Wiedererkennung

Um aufzufallen, trägt er seit Wahlkampfbeginn immer das gleiche Outfit, einen Matrosenanzug samt Seemannsmütze, eine grobe Hose und Bergstiefel. „Eigentlich war das Zufall, dass ich ausgerechnet diese Sachen am Tag, an dem die Werbefotos gemacht wurden, anhatte. Aber seitdem habe ich die Klamotten nicht gewechselt – wegen des Wiedererkennungseffektes“, erklärt er.

Dass der damit verbundene Körpergeruch seiner Karriere im Wege stehen könnte, glaubt er nicht. „Ich will keinen normalen Wahlkampf machen, wie die anderen Politiker. Die Leute sollen stutzig werden und sich Gedanken machen. In den letzten Tagen, habe ich so viele Leute dazu gebracht, über Politik zu diskutieren. Für mich habe ich den Wahlkampf schon längst gewonnen“.

Thema
Wahlen 2005 – die Geschichte eines aussichtslosen Kampfes (21. Lehrredaktion)

Lydia Leipert
Von Lydia Leipert