BJS-Collage (Quelle: Flickr - Linus Gelber/Jimmyroq/Icesail/Mybloodyself/Jacob Bøtter/HollaBackpackers)

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Einzelgängerin wider Willen

Wie sich warmer Wind in den Haaren anfühlt, will sie wissen. Wie es ist, barfuß über eine Wiese zu laufen, in einem See zu schwimmen, bei einem Konzert zu tanzen. Das alles ist ihr fremd. Aysun Söl* hat nicht viel vom Frühling und Sommer erlebt. Seit Januar verlässt die 18-jährige Türkin ihre Wohnung nur für die allernötigsten Wege.

Muss sie zum Arzt, trägt Aysun entweder eine blonde oder eine braune Perücke über ihre langen, pechschwarzen Haaren. Niemand darf sie erkennen. Schnell huscht sie über die Straßen, bleibt niemals stehen und sieht sich ständig um.

"Wenn sie mich finden, bringen sie mich um"

Keiner ihrer Nachbarn kennt ihren Namen, kaum einer weiß überhaupt, dass sie unter ihnen wohnt. Denn auch in der anonymen Welt der Plattenbausiedlung, irgendwo in Berlin, ist Aysun nicht sicher. Die Türkin ist nicht freiwillig Einzelgängerin. Ihr bleibt keine Wahl.

„Sie suchen mich“, sagt die junge Frau mit den grünen Augen. „Und wenn sie mich finden, bringen sie mich um.“ Sie, das sind die Männer ihrer Familie. Wegen ihnen darf niemand wissen, wo genau sie lebt, ihren richtigen Namen kennt nur ihre Betreuerin Andrea Bäumer*, eine Sozialarbeiterin bei einem Berliner Mädchenhilfsverein. Auch sie möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.

„Ich werde auch so schon oft genug bedroht und beleidigt“, sagt Andrea. Aysun steht in ihrer winzigen Wohnküche, setzt Wasser für Tee auf.

Das Radio spielt Mariah Carey, ein Brad-Pitt-Poster klebt an der Wand des Zimmers. Außer einer Matratze, einem Tisch und einem alten, verschlissenen Ledersessel steht nichts in der kargen Bleibe. „Für mehr reicht das Geld einfach nicht“, betont Andrea. Doch die Türkin ist dankbar für ihr kleines Reich. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie einen Raum für sich.

"Das einzige, was ihn an mir interessiert hat, war meine Jungfräulichkeit"

Noch einmal sagt Andrea, wie wichtig es ist, dass niemand erfährt, wo sie ihre Schützlinge versteckt. „Fundamentalistische Tyrannen kennen keine Grenzen, wenn sie sich in ihrer Ehre verletzt fühlen.“

Fünf Mädchen betreut die drahtig schlanke Frau derzeit. Mädchen, die sie aus einem Leben befreit, das kein Leben mehr ist. Sie rettet sie vor ihren Vätern, die sie zur Heirat zwingen wollen oder vor ihren Männern, die sie missbrauchen. „Doch die Mädchen müssen von sich aus kommen. Ich darf sie nicht einfach holen“, sagt Andrea. „Diese Hilflosigkeit ist schwer zu ertragen.“

Aysun kommt gerade noch rechtzeitig. „Eigentlich wäre ich schon mit meinem Cousin verheiratet“, so das junge Mädchen. Vor zwei Jahren sieht sie ihn zum ersten Mal, als die Familie gemeinsam in das Heimatdorf nach Ostanatolien reist. „Er war furchtbar. Ein dicker, schmieriger, arroganter Mann“, sagt Aysun und stellt sich ans Fenster. „Das Einzige, was ihn an mir interessierte war meine Jungfräulichkeit.“

Das es auch Ehen aus Liebe gibt, ist ihr fremd

Vom 13. Stock aus hat Aysun freie Sicht, kann Mütter mit ihren Kindern auf Spielplätzen beobachten, Mädchen in ihrem Alter, die mit Freunden Händchenhalten. „Wenn ich das sehe, fühle ich mich besonders einsam“, sagt sie. „Aber ich sehe auch, wie mein Leben mal sein wird. Irgendwann, wenn ich frei bin.“

Aysun erinnert sich zurück, wie sie den Vater bittet, ihr einen anderen Mann zu suchen. Dass es auch Ehen aus Liebe gibt, ist ihr fremd. „Meine Oma wurde gezwungen, meine Mutter auch. Ich kenne es nicht anders.“

Der Vater bleibt stur, besteht auf die Hochzeit mit dem Cousin. „Es ist Allahs Wille, hat er gesagt.“ Allahs Wille ist es auch, dass Aysun trotz guter Noten nicht aufs Gymnasium gelassen wird, keine deutschen Bücher lesen und nicht auf deutsche Geburtstagsfeiern darf.

Hauptschule, Heirat, Herd. So will es der Vater. „Aber das Lesen habe ich mir nicht verbieten lassen“, sagt sie. „Dann lag ich nachts mit einer Taschenlampe im Bett.“ Harry Potter lässt sie ihrer Welt für kurze Zeit entkommen.

Sie wurde rund um die Uhr bewacht – ein Mann war immer da

Der 13. März wird zu Aysuns „zweitem Geburtstag“, wie sie sagt. Ihr Vater will am nächsten Tag mit seiner Tochter in die Heimat fliegen. Aysun erfährt erst zwei Tage vorher von ihrer Mutter davon. In dieser Nacht drückt Meldan* ihrer jüngeren Schwester einen kleinen Zettel in die Hand. Die Mutter einer Freundin hat ihr die Adresse von dem Mädchenhilfsverein aufgeschrieben.

„Meine Schwester traute sich nicht dorthin zu gehen, aber sie wollte wenigstens mir helfen“, so Aysun. „Wir suchten verzweifelt nach einem Moment, in dem ich weglaufen könnte.“ Doch die Türkin wird rund um die Uhr bewacht. „Es war immer einer der Männer da.“

An diesem Mittwochmorgen gehen die Mädchen mit dem älteren Bruder zum Frauenarzt, der bereits zum zweiten Mal Aysuns Jungfräulichkeit bestätigen soll. Die Minuten beim Arzt gehören zu den einzigen Momenten, in denen Aysun nicht unter den Argusaugen ihrer männlichen Verwandten steht. Die Schwestern gehen gemeinsam ins Behandlungszimmer, der Bruder wartet draußen.

Meldan nutzt die Chance. Sie erklärt dem Arzt die Notlage der Schwester. „Ich bewunderte ihre Entschlossenheit und war starr vor Angst“, erinnert sich Aysun. Der türkische Arzt hätte die Mädchen sofort verraten können. Doch er hilft ihnen, erzählt dem Bruder, Aysun müsse wegen einer schweren Entzündung sofort ins Krankenhaus.

Zur Flucht blieben 30 Minuten

Der Bruder fährt nach Hause, um den Vater zu holen. Aysun bleiben 30 Minuten zur Flucht. Der Arzt ruft ihr ein Taxi, die Schwestern umarmen sich ein letztes Mal.
„Ich guckte ihr aus dem Autofenster hinterher, bis sie verschwunden war. Ich dachte die ganze Zeit nur an sie, an die Strafe, die sie bekommen würde, an ihren Mut, ihre Kraft“, sagt Aysun. „So einsam wie während dieser Fahrt war ich noch nie.“ Zwanzig Minuten später steht sie vor Andrea Bäumer und bricht weinend zusammen.

Bis heute weiß Aysun nicht, wie es ihrer Schwester ergangen ist, sie weiß nicht, wie sich der Arzt herausgeredet hat, sie weiß auch nicht, wie lange sie noch eine isolierte Einzelgängerin bleiben muss.

Andrea Bäumer macht ihr Mut, ihren Vater anzuzeigen. Doch Aysun zögert. „Was bringt das denn? Ich müsste genauso in Angst vor ihrer Rache leben wie jetzt. In ihren Köpfen ändert das nichts.“

Aysun denkt viel an Meldan und ihre Mutter. „Sie hat mich immer geliebt. Doch sie war zu schwach, sich gegenüber den Männern durchzusetzen“, so Aysun. Sie vermisst den Geruch ihres Haares und den Geschmack ihrer Backlava.

Sie will Abitur machen und studieren

Dann blickt sie neben ihre Matratze, wo sich Bücher stapeln, die ihr Andrea Bäumer ausleiht, Hesses „Siddhartha“ liegt aufgeklappt auf einem Kissen. Sie denkt an die anderen Mädchen in Gefahr, die sie verstehen. Sie denkt an das, was sie noch vor hat in ihrem Leben. Bald wird sie in eine Kleinstadt in Rheinland-Pfalz ziehen, Andrea hat dort eine betreute Wohngemeinschaft für sie gefunden.

Aysun will Abitur machen und studieren. Irgendwann möchte sie Tierärztin sein. Ihren Traum von einem selbst bestimmten Leben in Freiheit bezahlt Aysun mit einem hohen Preis. Sie hat ihre Familie verloren und lebt ein Leben in der Anonymität.

* Namen geändert

Nachtrag (August 2006):
Aysun lebt inzwischen in einer betreuten Mädchenwohngemeinschaft in einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz. Sie hat eine neue Identität angenommen und die Aufnahmeprüfung für eine Fachoberschule bestanden. Hier möchte sie ihr Fachabitur machen, um anschließend Sozialpädagogik und Psychologie zu studieren. Anstatt Tierärztin mag Aysun nun Sozialarbeiterin werden und Mädchen, die in ähnlichen Situationen wie sie sind, helfen und betreuen. Wie es ihrer Mutter und ihrer Schwester geht, weiß Aysun bis heute nicht.

Thema

Der Nachbar, den keiner kennt – Porträt eines Einzelgängers (21. Lehrredaktion)

Von Yoko Anna Rückerl