
Erfahrungsbericht Schüler | Schulleiter
Die Qual der Wahl
Manfred Volkmar, Leiter der Berliner Journalisten-Schule über vollgepackte Lebensläufe, vermeintliche Bonus-Punkte und die kleinen Dramen des Auswahlverfahrens.
Das Urteil eines Mitglieds der Prüfungskommission ist eher ungewöhnlich: "Zu gut", steht hinter einer niedrigen Bewertungsziffer. Die zwiespältige Beurteilung gilt einem Kandidaten mit beachtlichem Lebenslauf.
Das Hochschulstudium hat er zügig absolviert und mit Diplom abgeschlossen. Diverse Redaktionspraktika bei feinen Adressen der deutschen Medienlandschaft, vom öffentlich-rechtlichten Rundfunk bis zu Tages- und Wochenzeitungen, und die Teilnahme an Fortbildungsseminaren liegen hinter ihm.
BJS als Krönung der Ausbildung
Die Liste der Veröffentlichungen ist dementsprechend eindrucksvoll. Und nun beharrt der junge Mann darauf, die am 1. April beginnende Lehrredaktion der BJS sei die zwingend notwendige Abrundung seiner Ausbildung vor dem endgültigen Eintritt ins Berufsleben. Ist er dafür nicht längst fit?
Einem wie ihm dürfte die erste Bewerbungsrunde kaum größere Schwierigkeiten bereitet haben: Es galt, zu einem von fünf vorgegebenen Themen eine Reportage zu verfassen und die Recherche zu protokollieren.
Auch nicht der Endausscheid, zu der 50 Nachwuchsjournalisten Ende November nach Berlin eingeladen worden sind.
Eine Aufgabenstellung wie die nun folgende ist ihm vermutlich durchaus vertraut: Erst an diesem Morgen erfahren die aus allen deutschen Regionen, aber auch aus Österreich und der Schweiz angereisten Bewerber Ort und Thema einer Pressekonferenz, die wesentlicher Bestandteil der Aufnahmeprüfung ist.
Die simulierte Realität
Kein Elektro- oder Pharmakonzern, kein Automotoren- und kein Waggonbauer ist diesmal Gegenstand der journalistischen Bemühungen. Es ist ein Kaufhaus, in dem mit "Kultur" im weitesten Sinne gehandelt wird. Das Kaufhaus ist nur zwei S-Bahn-Stationen vom Alexanderplatz, dem Sitz der Schule, entfernt.
Wie immer sollen die im Frage- und Antwortspiel und aus der Pressemappe gesammelten Informationen durch individuelle Recherchen ergänzt und abgeglichen werden.
Hartnäckig und investigativ
Wie immer lösen die meisten Kandidaten diese Aufgabe mit Bravour. Sie interviewen mit Hingabe Verkäufer und Käufer ebenso wie die Inhaberin eines kleinen Buchladens gleich um die Ecke, die um ihre Existenz fürchtet.
Wie immer gibt auch diesmal der Unternehmenssprecher anschließend zu Protokoll, so hartnäckig sei er nie zuvor in seinem langen Berufsleben befragt worden.
Die Vorgänger filmen fleißig
Wie immer ist auch "das Fernsehen" mit von der Partie. Das TV-Team kommt aus der Vorgänger-Redaktion, die zur Zeit in den elektronischen Medien ausgebildet wird, und dreht einen Beitrag für eine Übungssendung. Das Team macht durch seine Präsenz den jährlichen "Generationswechsel" an der Journalisten-Schule augenfällig.
Wie immer fließen gute zwei Stunden später auch wieder ein paar Verzweiflungstränen, als die Manuskripte eingesammelt werden. Nicht inhaltlicher Probleme wegen, sondern weil der mitgebrachte Drucker sich störrisch weigert, den verfassten Text vom Laptop aufs Papier zu transportieren.
Und wie immer gibt es auch für solche kleinen Dramen ein Happy-End, weil sich in so großer sachkundiger Gesellschaft immer jemand findet, der das ganz spezielle Hard- oder Softwareproblem doch noch in den Griff bekommt. Einer wie der anfangs genannte Bewerber kommt auch bei den obligatorischen Wissenstests nicht ins Schwitzen.
Kleine, feine Medienwelt
Einer wie er scheint dazu prädestiniert, Führungspositionen zu übernehmen, die in der praxisorientiert arbeitenden Lehrredaktion immer wieder neu zu vergeben sind. Zeitungsseiten aller klassischen Ressorts sind da zu gestalten, auch mehrere Übungszeitungen und Die Depesche als gedrucktes Gesellenstück am Ende der Grund- und Printausbildung.
Übungssendungen in unterschiedlichen Formaten werden anschließend im Hörfunk- und Fernsehstudio der Berliner Journalisten-Schule produziert. Da können alle anderen immer wieder trefflich profitieren von den Erfahrungen, die ein einzelner Mitschüler mitbringt.
Der Fast-Profi
Aber was, wenn der Fast-Profi alle gängigen journalistischen Darstellungformen schon sehr viel besser beherrscht als die anderen, routiniert am Bildschirm Zeitungsseiten umbricht oder mit dem digitalen Audio-Schnittsystem perfekt hantiert? Wenn sich also dieser eine ständig unterfordert fühlt?
Und die anderen sich stattdessen gelegentlich überfordert fühlen, durch den schnellen inhaltlichen Wechsel des Stundenplans von Filmkritik zu Presserecht, von journalistischer Ethik zur Bilanzpressekonferenz, von der Parlamentssitzung zur Sprecherziehung und nicht zuletzt durch die auch physischen Beanspruchungen eines solchen Vollzeitprogramms, das spätestens beim Rundfunktraining auch manche Abend- und Wochenendstunden umfasst?
Können schlägt Quote
Am Ende auch dieses Auswahlverfahrens aber lösen sich derlei Überlegungen auf in der schlichten Anwendung einer Grundrechenart: Zu addieren sind die bei den Allgemeinwissenstests erworbenen Punkte mit jenen aus der Berwertung der Manuskripte und den Bewerbungsgesprächen. Ohne Bonus- oder Minuspunkte fürs Geschlecht oder für den, der sich schon zum wiederholten Male bewirbt.
So sind in der neu gebildeten Lehrredaktion die Geistenswissenschaftler, allen voran die Germanisten und Politologen, wie jedesmal überrepräsentiert. Die Naturwissenschaftler unterrepräsentiert, die Neuen Länder wieder schwächer vertreten als die alten und Frauen in der Überzahl. Und auch er ist schließlich einer der Auserwählten und doch nicht "zu gut" für die neue Lehrredaktion der Berliner Journalisten-Schule.
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| Von Manfred Volkmar, Schulleiter |