BJS-Collage (Quelle: Flickr - Linus Gelber/Jimmyroq/Icesail/Mybloodyself/Jacob Bøtter/HollaBackpackers)

Erfahrungsbericht Schüler | Schulleiter

Was vom Absturz übrig blieb

Jörg Oberwittler hat im Auswahlverfahren den GAU erlebt: Sein Rechner stürzte ab, der halbe Text ging verloren. In die 21. Lehrredaktion hat er es trotzdem geschafft.

Der Blutdruck schießt nach oben, die Hände fingern am Einschaltknopf des Laptops, die Gedanken rasen durch den Kopf. Nein, bitte nicht jetzt! Mitten im Auswahlverfahren verabschiedet sich mein Computer und mit ihm der Artikel, den wir innerhalb von zwei Stunden schreiben müssen.

„Ich hoffe, Sie haben eine leserliche Handschrift“, sagt der Schulleiter. Ich schlucke bei dem Gedanken, den ganzen Text per Hand schreiben zu müssen. Zumal ein Blick auf die Uhr verrät: noch eine Stunde.

Alles kommt anders als gedacht

Drei Stunden vorher: Knapp 50 Bewerber treffen sich vor dem Institut für Literaturwissenschaft der Humboldt-Uni, einige rauchen, etliche wippen nervös von einem Bein zum anderen. Dann kommt es anders als gedacht – wir gehen weiter zur Deutschland-Zentrale des Mineralölkonzerns Total.

Während einer eigens für die Berliner Journalisten-Schule einberufenen Pressekonferenz stellte sich der Pressesprecher den Fragen der wissenshungrigen Bewerber. 50 Finger schnellen in die Höhe. Thema: Alternative Kraftstoffe.

Knapp zwei Stunden fürs Schreiben

Mit vollen Blöcken und haufenweise Infomaterial geht’s anschließend in die Kantine. Laptops werden aufgeklappt, Kabel in Steckdosen gesteckt und die mitgebrachten Drucker aufgestellt. Die Zeit läuft. Knapp zwei Stunden hat jeder Zeit für seinen Text.

Ich habe extra einen Laptop bei einem Computerverleih in Berlin gemietet. Wer konnte schon ahnen, dass mich die Technik nach einer Stunde im Stich lässt – und der Text verloren geht.

Zwischenspeichern rettet Nerven

Mehrere Mitbewerber springen auf und gehen mir zur Hand. Mit einem neuen Akku kriegen wir das Gerät wieder flott. Gut die Hälfte des Textes ist noch da. Erleichterung. Wer zwischenspeichert, ist klar im Vorteil.

Mit Schweißperlen auf der Stirn gebe ich einen halbwegs passablen Text ab. Nach einer viel zu kurzen Pause geht es gleich weiter zum Bildertest. Die Fragen sind schwer, aber machbar. Ein bisschen Geographie, viele Köpfe aus Politik und Wirtschaft, aber auch aus Kultur und Boulevard. Wer die Monate davor aufmerksam Zeitungen gelesen und Nachrichten geschaut hat, kann die meisten Fragen gut beantworten.

Wirtschaftsbosse sehen alle gleich aus

Dennoch sehe ich manche Gesichter zum ersten Mal. Und irgendwie sehen die Wirtschaftsbosse alle gleich aus. Auch bei Boxerin Regina Halmich – diesmal geschminkt und im Abendkleid – fällt der Groschen erst später.

„An welchem Fluss steht dieses Gebäude?“, fragt die Bildunterschrift und verweist auf die Dresdner Frauenkirche. „Welches Unternehmen will dieser Mann gerne kaufen?“, heißt es an anderer Stelle. Gefragt ist Matthias Döpfner, der die ProSiebenSat.1 Media-AG übernehmen möchte. Wer hier vorher noch einmal sein Allgemeinwissen aufgefrischt hat, kommt gut durch.

Abends Frustessen beim Italiener. Der Text war dem Stress entsprechend, der Fragetest so lala. Es kann nur besser werden, denke ich und gehe früh ins Bett, um fit für den nächsten Tag zu sein.

Fit machen für Tag Zwei

Am zweiten Tag folgt das Auswahlverfahren mit jeweils drei Mitbewerbern vor der achtköpfigen Auswahlkommission. Wenn der Nachname mit O beginnt, hat man das Glück, erst gegen Mittag dran zu sein.

Ich nutze den Vormittag für eine ausgiebige Zeitungslektüre, schaue noch mal im Internet-Café vorbei, um auf alle möglichen Fragen vorbereitet zu sein. Ich weiß, mit welchem Thema ich morgen die Seite Eins aufmachen würde. Ich weiß, was mein Aufmacher fürs Lokale wäre. Ich weiß, wozu ich einen Kommentar verfassen würde.

20 schnelle Minuten

Wird aber alles in den nächsten 20 Minuten bei mir nicht gefragt. Dennoch: Die gute Vorbereitung macht mich selbstsicher. Ich bin gewappnet. Und: Andere berichten später in der Tat von ähnlichen Fragen, zum Beispiel: „Welche journalistische Leistung hat Sie in den letzten Monaten beeindruckt?“ oder „Wen würden Sie interviewen, wenn Sie heute Mittag einen halbstündigen Sendeplatz hätten?“

Die Auswahlkommission kann unterschiedlicher nicht sein: der Schulleiter, Redakteure und Redakteurinnen von der Zeit, vom Tagesspiegel, Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und freie Hauptstadt-Journalisten. Wohlwollende Blicke von rechts, ein strenger Gesichtsausdruck von links.

„Warum wollen Sie Journalist werden?“

Die beiden Bewerberinnen zu meiner Seite versprühen ihren gesamten Charme, lächeln um die Wette. Da kannst du einpacken, denke ich. „Warum wollen Sie Journalist werden?“, unterbricht mich schroff der Journalist von links, während ich meine Meinung zum Ablauf des gestrigen Tages sage. Wer auf diese Frage keine überzeugende Antwort parat hat, ist selber Schuld. Ich antworte, wie aus der Pistole geschossen.

Noch eine Frage zu meiner Magisterarbeit, gefolgt von mehrmaligem Nachhaken – das war`s. Das ging doch viel zu schnell, ist mein erster Gedanke. Ich habe mich doch noch gar nicht richtig vorgestellt. Aber vor allem kommt es auf die gute Argumentation an. Das Thema ist zweitrangig.

Wie man im Gespräch punktet

Im Nachhinein gibt uns eine Dozentin, die auch in der Auswahlkommission saß, noch einen wertvollen Tipp: Wer sich selbst ins Gespräch einbringt, ist im Vorteil. Daher: Andere ausreden lassen und dann selbst noch ein- oder zweimal seine Meinung sagen. Initiative und Durchsetzungsvermögen sind gefragt.

Angenommen werden schließlich drei aus unserer Runde. Der Vierte hatte das Nachsehen. Und das Geld für die Laptopmiete – das habe ich wieder zurückgekriegt.

Von Jörg Oberwittler